SPILT 2000: Mi Haamit is in Arzgebirch (Aufschrift auf dem Willkommenschild in Seiffen) oder
Wie wir es wieder einmal geschafft haben, nicht zusammen aufs Treffen zu fahren
N.B. Ist der Artikel zu lang, bist Du zu schwach.
Ende September. Seit Wochen tobt die Diskussion: fahren wir schon am Freitag via Autobahn zum SPILT (Woody) oder doch erst am Samstag, dann aber schön Landstrasse und Oberpfalz und Karlsbad und und und (ich). Schließlich haben wir ganze vier Tage Zeit, und dort waren wir wirklich noch NIE.
Freitag, 29. 9. Von wegen ausnahmsweise um 12 Uhr Feierabend; um dreiviertel vier (für Nordlichter und Reig'schmeckte: Viertel vor vier) kommen wir los, und das auch noch mit schlechtem Gewissen, weil ich die Kollähgen mit dem ganzen Freitagsmist hab sitzen lassen. Zur Strafe brauchen wir auch nur 55 Minuten für die 15 km zur Autobahn, vierspurig quer durch die Stadt. Bis Heilbronn geht's ähnlich weiter. Wo wollen die bloss alle hin? Wir fahren mal nebeneinander, mal vor-, mal hintereinander, wo's halt Platz hat.
Ausgemacht war, dass wir via Nürnberg fahren. Ich fahre also vorschriftsmäßig am Weinsberger Kreuz rechts raus und sehe leider nur noch einen grünweißen, wild gestikulierenden Pfeil an mir vorbeischießen, der dann auch nur knapp den Leitplankenteiler zwischen "Nach Würzburg" und "Nach Nürnberch" verfehlt, natürlich in die falsche Richtung.
Grummel. War das etwa männliche Intuition? Sofort stehe ich nämlich wieder im Stau, zwäng mich aber durch bis zum nächsten Parkplatz. Helm ab, das Handy raus und - wie war doch gleich die Nummer von Woodys frisch angeschafften Handy? Ist nämlich noch nicht einprogrammiert, so neu ist das. Was jetzt? In dem Moment kommt zum Glück eine SMS: Wir sollen jeder für sich nach Seiffen fahren. Hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt, überlege sogar kurz, wieder heimzufahren und es morgen noch mal zu probieren (Landstrasse! Hechel!), aber jetzt kann ich ja zurückrufen und schlage vor, dass wir uns an der Raststätte Münchberg zwischen Bayreuth und Hof treffen. Akzeptiert.
So quäle ich mich weiter Richtung Osten. Es ist einfach FURCHTBAR! Das sind mein Mopped und ich als militante Umwege-in-Kauf-Nehmer-um-bloss-nicht-Autobahn-fahren-zu-müssen nicht gewohnt. Kurz hinter Feuchtwangen hab ich die Faxen dicke und fahr raus auf irgendeine Bundesstrasse. Im Geist gehe ich schon die Jugendherbergen in dieser Gegend durch. Das Zelt hat nämlich Woody dabei. Dafür hab ich die Schlafsäcke und die Luma. Na Klasse.
Kurz vor Ansbach: eine Umleitung. Und schon bin ich wieder auf die Autobahn geleitet worden und stehe. Und fahre. Und stehe. Und fahre. Zwischen zwei Staus aus dem Nichts kann man oft bis 180 aufdrehen. Und dann geht wieder gar nichts mehr. Wer kann mir das erklären? Ein Physiker vielleicht? Oder ein Psychologe, um nicht zu sagen Psychiater?
Irgendwann finde ich, dass es eigentlich viel weniger gefährlich ist, auf der Standspur mit mäßigem Tempo vorbeizu-, naja, brettern, als sich zwischen rechter und linker Spur durchzuschlängeln, was ja angeblich vom Trachtenverein im Normalfall toleriert werden soll. Das hatte ich mir schon mal anno 1986 erlaubt, als ich mit einer Freundin - übrigens auch an einem Freitag Nachmittag! Das hat mir wohl für den Rest meines Lebens gereicht, und daher wahrscheinlich meine Autobahnabneigung, jawoll! Aber das ist eine andere Geschichte - unterwegs war nach Oerlinghausen zur Ori, und wir bass erstaunt waren, dass die Autofahrer vor uns extra eine Gasse bildeten, um uns im Stau durchzulassen. 60, 80, 100 km/h...bis wir merkten, dass sie hinter uns mit Blaulicht kamen. Glücklicherweise hatten sie keine Zeit, sich um uns zu kümmern, und wir kamen unbehelligt davon.
Anders an diesem unglückseligen Freitag. Die rechte Spur war voller LKW; sie bildeten eine regelrechte Wand, die meinen Blick abschirmte von der linken Spur... bis ich dann zwischen zwei Brummis etwas Grün-Weißes aufblinken sah. Weia. Reflexartig die Geschwindigkeit reduziert, fieberhaft überlegt, ob es sich vielleicht doch lohnt, aufzudrehen und im nächsten Hain zu verschwinden (die Ausfahrt war nur einen guten Kilometer weg). Haben die mein Kennzeichen überhaupt schon erkennen können? Außerdem: die Herren Pullizisten möchte ich erleben, die mich mit heruntergelassener Lederhose im Walde aufstöbern und mir beweisen wollen, das ich NICHT gerade ganz dringend musste.
Aber es war zu spät. Das Blaulicht im Rückspiegel zwang meine innere Schweinehündin dann doch zum Anhalten. Aber ehrlich: das Schlimmste waren nicht die 100 Mack plus Verwaltungsgebühr und Auslagen plus 2 Punkte (Hallo Hans, alter Bangemacher: nix Fahrverbot!), sondern die schadenfrohen Blicke der Kasperkistenfahrer, die ich zuvor vielleicht mal rechts überholt hatte (dabei eindeutige Handzeichen gebend, mir gegen den Helm hauend und unter dem Helm lauthals schimpfend). Die rollten nun alle fettbreit grinsglotzend an mir vorbei. Zu allem Überfluss musste ich mich von der frrengischen Obrichgeid noch frachen lassen, warum mein Ehename nicht im inzwischen sieben Jahre alten KFZ-Schein nachgedrachen worden sei. Dass eine Frau in meinem Alter unverheiratet sein kann, wollte denen wohl nicht in den Kopf . Einen guten Vorschlag haben sie aber doch gebracht: "Achja, die LKW auf der rechten Spur, die PKW auf der linken und die Motorräder auf der Standspur, das däde Ihnen so gefallen, was?" (Ja.)
Und noch keine 200 km auf der Uhr. Jetzt aber rein nach Nürnberch. Was in Ulm und Würzburg immer so gut klappt, nämlich die Abkürzung quer durch die Stadt, kann doch hier nicht verkehrt sein. Ausserdem soll das ja so eine schöne Stadt sein, mit Burg (Burch?) und Altstadt. Naja, die grüne Welle haben sie hier sicher nicht erfunden, aber man kann es auch übertreiben, will heißen: der totale Verkehrskollaps. Hinzu kam eine katastrophale bzw. nicht vorhandene Beschilderung und eine fast schon als bösartig zu bezeichnende Auskunftsbereitschaft der Eingeborenen. So musste ich mich z.B. von drei halbwüchsigen Heiopeis im 4,0l-Cherokee belehren lassen, dass es absolut korrekt wäre, Richtung Berlin der Ausschilderung nach Stuttgart zu folgen (der Geographieunterricht ist auch nicht mehr das, was er mal war). Jedenfalls landete ich ungeachtet solcher tollen Tipps trotzdem am Kreuz Feucht, das ist südöstlich von Nürnberg, statt auf der B14 Richtung Nordosten. Es wurde langsam dunkel, und wieder Zeit verschenkt. Inzwischen nahm ich die Geschichte nämlich sportlich. Wenn Woody schon absichtlich? unterbewusst? falsch fährt, darf er jedenfalls nicht schneller am Ziel (Raststätte Münchberg) sein als ich.
Die A 9 zwischen Nürnberg und Bayreuth war aber komplett dicht. Der erzieherische Effekt der Anzeige hat deshalb nur knapp zwei Stunden vorgehalten, und zusammen mit einem unbekanntem Esslinger Leidensgenossen (fuhr nicht zum SPILT. Trotzdem Grüsse!) habe ich mich wieder irgendwie durchgeschlängelt, wo halt Platz war.
Ausfahrt Münchberg-Süd. Immer noch kein Raststättenschild. Die Raststätte existiert nämlich gar nicht mehr. (Vielleicht hätte man doch eine neuere Karte mitnehmen sollen als die ADAC-1:500000 von 1988? Aber soll ich mir die kostbaren neuen Generäle im Elefantenboy ruinieren? Ist es nicht furchtbar ärgerlich, dass die Harros es nicht hinkriegen, die Kartentasche eine Spur breiter zuzuschneiden als zwei Knicke einer Standard-Generalkarte???). Aber dafür gibt es in der Gegend einen Autohof. Zweimal ringsrum gefahren, keine GS da. Der ist natürlich schon seit Stunden weg, denke ich. Aber warum dann keine SMS und keine Nachricht auf der Mailbox? Neuerliches Grummel. Später erfahre ich, dass Woody (seine Überflieger-Karte war übrigens nochmal vier Jahre älter) auf dem nächsten Parkplatz auf mich gewartet hat - allerdings noch eine halbe Stunde später.
Ab Kreuz Bayerisches Vogtland läuft es wieder. Aber nur auf der rechten Spur. Egal, ich halte mein Tempo von 120, 130, egal ob sie mir rechts oder links im Weg stehen. Hunger! Müde! Durst! Bin ja auch erst sieben Stunden ohne Pause (außer die Viertelstunde mit der Purzelei, wo ich nicht mal abgestiegen bin, und einmal Tanken) unterwegs. Nie wieder Autobahn!
Abfahrt Stollberg. Es ist stark böig geworden bei klarem Himmel und sensationeller Sternsicht. Die braucht man auch, denn die Beschilderung in der mittelerzgebirgischen Pampa ist saumäßig. Zum Glück kann ich als Seefrau mich einigermaßen am Sternenhimmel orientieren, werde aber trotzdem völlig überrascht von der vierspurigen Strasse, die seit neuestem (mein Kartenstand wie gesagt: 1988) von Chemnitz bis hinter Zschopau führt. Die letzten 75 km Landstraße bis Seiffen sind trotz nachtschlafender Zeit traumhaft schön zu fahren: kein Verkehr, schöne Strecken (man fährt viel ruhischer, wenn man den Belag nicht so genau erkennen kann...) Jetzt gleich noch ein Bier und dann ab ins Zelt auf die neue Doppelluma. Denke ich so bei mir.
Seiffen. Ein typisches, extrem langes Straßendorf, wie ausgestorben, so kurz vor Mitternacht. Am Haus des Gastes kommen mir zwei Mopeds entgegen (oder muss es hier Bikes heißen?) Die Jungs haben doch noch einen Einheimi getroffen und kennen nun den richtigen Weg. Ankunft Hutzenstuben also noch knapp heute. Dort: Festzelt, Lagerfeuer, Bier, Bekannte: endlich daheim.
Was, Woody noch nicht da? Mist, noch kein Zelt aufgebaut? In dem Moment: SMS aus Marienberg, noch 25 km entfernt. Also fahr ich ihm entgegen, damit er nicht wie ich die Abzweigung im Ort verpasst. Stehe also zur Geisterstunde mit dem Moped wie eine Schnitzfigur an der Seiffener Hauptkreuzung, als erst ein Böblinger und ein Göppinger, danach ein Waiblinger, kurz darauf endlich ein Stuttgarter Moped ankommt (wo sind wir hier eigentlich?) Nachdem dann bei geschätzten 5 Beaufort das Zelt aufgebaut und schließlich auch noch das Ventil an der neuen LuMa gefunden war, ist es dann doch noch ein schöner Morgen geworden.
Und ein schönes Treffen. (Danke, Manfred! Und danke für Deinen Beitrag zur Kampfhunde-Diskussion - so einen sympathischen und ruhigen Gemütshund habe ich selten erlebt!). Ins Arzgebirch - wie biste schee - fahren wir bestimmt noch öfter. Es lohnt sich, landschaftlich, straßenmäßig, kulturell und auch für "normale" Touris, insbesondere mit Kindern.
Aber so friedvoll und versöhnlich kann dieser Bericht ja nicht enden. Wir fuhren also am Dienstag, den 3. Oktober, Zähndor Jahresdach dr Daitschen Ainhaid, wieder zurück. Vor der tschechischen Grenze waren ungelogen3 - 4 km Stau. Hochgerechnet mit nur einer Minute Kontrolle per Auto kommen wir also auf eine Wartezeit von mindestens 3 Stunden. Wir erlaubten uns deshalb, bis ca. 100 m vor der Kontrollstation abzukürzen und hinter einem Chemnitzer Kennzeichen wieder einzuscheren. Dieser Autofahrer wollte offensichtlich den Tank restlos entleeren, um in Tschechien so viel wie möglich tanken zu können, denn der Sprit ist ja dort sooo günstig. Jedenfalls ließ der Sack während der ganzen halben bis Dreiviertelstunde Wartezeit den Motor laufen, während wir - zusammen mit inzwischen fünf anderen Mopeds - brav in Richtung Kontrollstelle geschoben und dabei seine Abgase eingeatmet haben. Und in Sichtweite der Grenzer möchte man ja auch kein Aufsehen erregen, indem man z. B. den Kerl aus dem Auto zieht und/oder seinen Schlüssel in nächsten Gully versenkt... Fazit: Der Sprit ist anscheinend auch in Deutschland noch viel zu billich.
In Tschechien dann eine Enttäuschung für viele der Mädels an der Straße, die mir eindeutige Handzeichen gaben: unter einem Motorradhelm steckt nicht immer ein Mann, geschweige denn ein Freier. Scheiss-Job, wirklich. Innerhalb der Ortschaften stehen sie meist in Gruppen oder zu zweit und können sich so zumindest das Autokennzeichen des jeweiligen Testosteronüberschüssigen merken. Die Frauen und Mädchen (nach unten übrigens keine Altersgrenze) an der Strasse in der Pampa zwischen Litvinov und Cheb stehen aber oft völlig allein auf weiter Flur in der Nähe ihrer Dörfer oder Gehöfte und sind somit schutzlos jedem denkbaren Perversen ausgeliefert. Ganz zu schweigen davon, was diese Art der Devisenbeschaffung moralisch in der tschechischen ländlichen Gesellschaft anrichtet, vgl. Kuba nach Einführung der Zweitwährung US-Dollar. Wie konnte es passieren, dass ein Land, das zu den EU-Beitrittskandidaten gehört, in seiner Gesamtheit zum Puff und Billigeinkaufsland der reicheren Länder gemacht wurde? Hier kann sich der Deutsche jedenfalls wieder so richtig als Herrenmensch fühlen und aufführen.
So passierten wir vorbei an einer schier endlosen Reihe von LKW die tschechisch-deutsche Grenze und wollten dann was zu fressen ham, worauf es ja eigentlich immer und überall hinausläuft (s. voriger Absatz). Es war aber schon nach 14 h, und deshalb gab's nirgends nix mehr. Der Vollständigkeit halber erwähne ich jetzt noch, dass der hungrige Woody den schnellsten Weg über die Autobahn nach Hause genommen hat, wogegen ich durch das wunderschöne Pegnitztal, durch Nürnberch hindurch, an Gunzenhausen vorbei und quer durch den Schwäbisch-Fränkischen Wald ins Remstal fuhr. Und trotzdem war ich nur eine knappe Stunde nach ihm zuhause, und das Essen war auch gerade fertig.
Was zu beweisen war: Autobahnfahren lohnt sich nicht, my darling, no, no, schade um das Profil auf dem Pneuheu, yeah, yeah!
Grüße aus dem (Stuttgarter) Süden von Birgit