Stress Press International


Nektar, Ambrosia, ... - 
der Trank der Stresser hat viele Namen
Rrrrr, rrrrr, rrrrr. Kraftlos hoppeln die Zahnräder des Freilaufs 
übereinander; noch möchte die Dnepr nicht anspringen.
Es ist der 30. Dezember, 15 Uhr. Fast schon bösartig trommelt der Regen 
auf´s Helmacryl. OT suchen - nicht einfach mit Winterstiefeln und der 
Kompression einer Flasche Selters - leicht am Gasgriff drehen, Luft 
holen und - Box. Der Motor startet. Unüberhörbar. Knatternt, rumpelnd 
und prustent gibt mir das Eisenteil zu verstehen: ich bin bereit.
Mit den Held-Winterfäustlingen (kann man auf´s allerwärmste empfehlen) 
in den ausgezottelten und mit Backeband verstärkten Lenkerstulpen und 
die Beine unter der VEB-Kniedecke, wie ein Etikett verspricht: auch 
geeignet für Habicht-Motorräder, raus auf die Highways, dem Treffen zu. 
Bewustseinserweiterung pur.
Es ist Freitag Nachmittag. Kein Grund für einen Dnepr-Fahrer sich vor 
Staus zu fürchten. Spötter - ich kenne sie - raten jetzt natürlich: 
"Wirf mal einen Blick in den Rückspiegel"; aber wer einmal die schiere 
Kraft der Dnepr, am auf- und abschlagenden Lenker erlebt... Der rechte 
Rückspiegel erlaubt freie Sicht auf die Verzurrung des Campingtisches, 
der Linke weis wo die Sternlein stehen.
Wir sind gnädig zu den Stuttgarter Autofahrern und fahren ein kurzes 
Stück über die Autobahn; durch die Stadt wäre kürzer gewesen. Es geht zur
südschwarzwälder Steighütte. Zum Silvester-Treffen des Stuttgarter 
SPI-Stammtisches. Obwohl abgekochte Dneprfahrer nach Betriebsstunden 
zählen, ich will hier nichts beschönigen, rechne ich mit vier Stunden. 
(Für Outsider: Es waren 200 Kilometer zu bewältigen.) Bei dieser feuchten 
Witterung scheint die Maschine an mehreren Gummibändern zu hängen, träge,  
s_e_h_r  träge bringt sie mich über die schwäbische Alb.
Durch das stark beschlagene Visier dringt mein Blick kaum noch nach 
draussen.Ich ärgere mich, es nervt! Diese extra hautschonenden Spülmittel 
taugen als Antibeschlagmittel nichts. Auch an der Tankstelle hinter 
Tübingen, bekam ich nur Palmolive - ein Drama. Ich hoffe, die ältere, 
von Schokoriegeln gänzlich umrahmte Dame hinter der Kasse, hat meinen Rat 
befolgt, und hält künftig was ordentliches parat.
Nach rund vier Stunden walzen die 3.50er Barum über den Treffenplatz. 
Leise vor sich hin knackend erholt sich der Motor. Auch die Federbeine 
danken es mit leisem quitschen jedesmal auf´s Neue, wenn ich ein 
Gepäckstück aus dem Boot nehme. Da das Treffen erst Morgen beginnt, bin 
ich heute noch alleine - was ich ausserordentlich genieße. Unter dem 
Vordach der Steighütte, mache ich es mir bequem und tue eben gerade das, 
wozu mir der Sinn steht. Weil es aber immer noch regnet, sind die 
Klamotten doch feucht geworden. Zeitig packe ich mich in den Schlafsack.
Leicht mit Schnee überzogen erwartete mich der Schwarzwald am nächsten 
Morgen und nach ein paar Gammelstunden, trudelten die ersten Stresser ein.
In den nächsten Zeilen soll nicht der Eindruck entstehen, daß ich es für 
eventuell für nicht schicklich, seltsam, auffällig oder gar unangebracht 
halte, wenn zum STRESS-PRESS-Stammtischtreffen im Schwarzwald jemand mit 
dem  A u t o  kommt. Dies wäre ein völlig falscher Eindruck. Unter anderen 
hatten folgende Leute absolut stichhaltige, plausible und andere wirklich 
gut verständliche Gründe mit dem Auto zu kommen: Maggi, Karin, Otto, Keks, 
Planlos, Tine, Albrecht, Martina, Ingo, Melli, Käpt´n Duracel, Hans, 
Renate, Traktor ... Mit dem Motorrad kamen noch: Gregor und Annette auf 
MZ-Gespannen sowie Matthias mit seine K 75 Solo.
Der Treffenabend drohte schon fast in Glühweinroutine zu ertrinken, als 
durch einen heftigen Ruck an der Glühweinzapfmaschine, dies von Uwe 
verhindert wurde. Das Dreibein mit dem heißen 20-Liter-Glühwein-
Edelstahltopf, schwankte zunächst, neigte sich dann doch, eindeutig 
immer schneller werdend, auf die von mir abgewandte Seite des Feuers. 
Stimmung kam auf! Mit überlegenem Retterlächeln packte ich die mittlere 
Stange des Dreibeins um den Absturtz zu verhindern. Entwarnung also?
Beim zugreifen stellte ich fest, das die angepackte Stange wärmer war 
als gedacht und zudem aus zwei Teilen bestand. Das von mir ergriffene 
untere Ende der Stange, rutschte mit einem leisen „Plong“ aus dem oberen. 
Das verbliebene Zweibein neigte sich noch schneller dem Boden zu. 
Glücklicherweise saßen an der vorraussichtlichen Absturtzstelle die Keks 
und die Karin. Mit sinnverwirrenden Schreien und spitzen Fingern konnten 
sie den Niedergang hinauszögern (zum Vorteil war, Alkohol ist leichter 
als Wasser) bis andere Helfer zur Stelle waren. (Wie hieß es im Ohrenkino 
auf NDR2 so schön: Der Krug geht solange zu Neige bis ich brech.)
Schadensmeldung: Eins der sieben Glühweinzubringerrohre war am Topf 
abgerissen. Die Stimmung drohte, mit jedem Gluck des auslaufenden 
Seligmachers, ins bodenlose zu versickern. Doch in solchen Momenten 
zeigt sich wahre Opferbereitschaft und Heldentum. Abwechselnd fand sich 
immer ein Finger der die Öffnung solange zuhielt, bis, nach einigem Bangen,
ein Blindstopfen gesetzt werden konnte.
Nach dem gebetsmühlenhaftigem Neujahrsgewünsche fiel gegen ein Uhr das 
Schlüsselwort: Pfirsiche. Bald glühte der Colman, Früchte brodelten im 
Saft und schwupp, war mit einer halben Flasche Rum eine akzeptable 
Anti-Skorbutmischung hergestellt. Schlagsahne drauf, ein guter Schluck 
Eierlikör und als Tribut an die Dekadenz dieser Welt - ein paar 
Schokoraspel. Viele Namen hat es für dies Getränk der Götter schon 
gegeben - siehe Überschrift. Nach der dritten Mischung standen immer 
noch sechs unentwegte um den Kocher. Zu diesem Zeitpunkt machte Annette 
einen Fehler. Sie schlug mir vor, "Mach doch mal ´ne richtige Mischung." 
Ein kurzer Blick über die verbliebenen Bestände, es reicht. 
Triplexmischung - die Krönung - (siehe wieder Überschrift) für uns der 
goldene Schluck des Abends. Eine Büchse Pfirsich und eine Flasche Rum, 
nebst Zubehör ...
Am nächsten Morgen, es kann schon gegen Mittag gewesen sein, ging ich 
bei »Stalins Reinkarnation« auf Leistungssuche. Der nasse Luftfilter 
wanderte in den Beiwagen und weil die linke Zündkerze weiss wie ein Blatt 
Papier war, drehte ich mit der bewährten Wasserpumpenzange die Düsennadel 
nach oben. Fast überflüssig zu erwähnen, daß genau in diesem Moment - 
ich, knieend vor dem offenem Vergaser - sehr heftiges Schneetreiben 
einsetzte. Vor der Heimfahrt lieh ich mir von Uwe noch ein paar Tropfen 
Geschirrspülmittel, Fary Ultra. Was soll ich sagen, trotz Temperaturen 
um null Grad, Regen und Schneeschauer, das Visier blieb klar, bis ich, 
ohne weiteren technischen Halt, nach dreieinhalb Betriebsstunden mit 
meinem Erlebnisbeschleuniger wieder vor der heimischen Garage stand. 
Als nicht ganz unwesentlich möchte ich zum Schluß noch erwähnen, daß kurz 
hinter Rottweil sogar die Kniedecke flatterte - im Rausch der 
Geschwindigkeit.
Propeller Bernhard