Messe
Durch finanzielle Hörigkeit einem Zeitschriftenverleger gegenüber bin ich häufiger gezwungen,
mich auf Motorradmessen im Gespannzentrum den Menschen auszusetzen. Jahrelange Studien
ermöglichten es, verschiedene Spezies zu erforschen. Die Darsteller einer beliebigen Messe
unterteilen sich in:
Die Familie
Aus der Eingangstür bricht eine Apokalypse herein. Aus der alles niederwalzenden Staubwolke schält sich eine unübersehbare Schar von zwei Kindern heraus, die mit Mühe von ihren Eltern verfolgt werden. Zielstrebig lemmingt der Heuschreckenschwarm auf die Gespanne zu, allem voran der Schlachtruf: "Kummapappasowashammerau!"
Während der Gespannhändler mit schreckverzerrtem Gesicht zwischen Fluchtreflex und selbstlosem Red-Adair-Einsatz schwankt, wirft sich bereits das erste Kind auf die Seitenwagenschnauze und hinterläßt vermittels seiner Spielzeugpistole eine streichholzschachteltiefe Spurrille im Lack. Unterdessen brunzt der mitgebrachte Cockerspaniel das Vorderrad voll - was er an sämtlichen ausgestellten Fahrzeugen wiederholt -, und die Mamma hilft ihrem jüngsten Monster auf den Wildlederbezug des Beiwagensitzes. In der gleichen Sekunde beginnt das Monster aus verschiedenen Öffnungen zu tropfen. Während sein Geifer in das Sitzkissen läuft, wird entschlossen ein geschmolzener Müsli-Riegel in die Bootsbeflockung eingerieben.
Der Erzeuger ist derweil nicht untätig. Er nimmt auf dem Motorrad Platz, indem er mit der prallen Tragetasche voller Prospekte auf dem Tank herumscheuert. Nun stiert er ins Leere zwischen den Instrumenten, schiebt debil die Unterlippe vor und betätigt rhytmisch vermittels des Gasgriffs die Beschleunigerpumpe, bis der Vergaser überläuft.
Mit geübter Bewegung und dem Kinderwagen blockiert die Mutter inzwischen etwaige Zugänge, auf denen Rettungsmannschaften zugunsten des geshredderten Fahrzeugs einschreiten könnten.
Der erste Alien sitzt unterdessen zwischen Beiwagen und Maschine und zersägt mit seinem schweizer Taschenmesser die Bremsleitung. Das Motoröl hat er schon abgelassen.
Im Hintergrund sehen wir verschwommen den Gespannhändler, die rechte Hand in einen Hallenpfeiler gekrampft, die linke tastet nach dem Herzen, während sich seiner Kehle ein Laut entringt, die Lämmer bei Ritualschlachtungen von sich geben.
Unserem Zeitschriftenstand nähert sich derweil
der Papst.
Er hat die Midlife-Krisis schon lange hinter sich gelassen und die Halbglatze unter einem Filzhut versteckt. Die Brauen sind hochgezogen und die Lider weit nach hinten geklappt, so daß ich seine Augäpfel rundum betrachten kann. Mit geöffnetem Mund lehnt er sich über den Tresen, sein Kopf stößt auf mich zu wie die Phyton aufs Kaninchen. Es gab bei ihm Sauerkraut und Bratkartoffeln. Übergangslos und unmißverständlich macht mir der Papst klar, daß er bei Stalingrad die KS 750 fuhr, danach eine erbeutete Harlei und in den 50ern die 250er Triumpfff (der Nachtisch war Birnenkompott). Natürlich mit Seitenwagen, wenns glatt war. So baute er etwa achtmal am Tag das Boot an und ab, fuhr damit ständig zur Arbeit sowie ununterbrochen zum Elefantentreffen.
Er weiß alles. Hertweck hat bei ihm gelernt, und als Leiter der geheimen NSU-Versuchsabteilung (so die interne Berufsbezeichnung für Pförtner) diktierte er Klacks sämtliche Artikel in die Schreibmaschine.
Während sein Unterkiefer oszilliert und er die Kurzdistanz-Hypnose fortsetzt, läßt er mich auch
über die Zusammensetzung des letzten Abendbrots nicht im Unklaren. Ein schwacher Hinweis
meinerseits auf die ausliegende Gespannzeitschrift verursacht einen Schlag der flachen Papsthand
auf den Papierstapel, und ohne den stieren Blick von meinen Pupillen abzuwenden, steigert er den
Diskant um eine Oktave und stellt fest, daß er alles wisse, was darin stehe und jemals stehen werde.
So sei zum Beispiel der Max-Ventiltrieb bereits von Bentlei erfunden worden, und mir sei gewiß neu
(verächtliches Absacken des linken Mundwinkels), daß Steib im Untergrund weiterproduziere und
die Japaner sich bei Adler eingekauft hätten. Das erklärt natürlich manches. Leider läßt meine
Aufmerksamkeit für den Papst nach, denn neben meinem rechten Knie schrillt eine Horde
Jäger und Sammler:
"Hamsieaufkleberoderwasanderesfürkinder?" Zeitgleich schnellen sechseinhalb Krakenarme
unter den Tisch, beschlagnahmen alle vorhandenen 376 Aufkleber, entfernen sämtliche
Spielzeug-Gespanne, die ich das Stück zu zehn Mark abrechnen muß, zerreißen nebenbei fünf
Bücher und haben sich bis knapp an die Kasse vorgearbeitet, als
der Verleger
mit heiserem Sturmschrei und schwäbischem Spagat hinzuspringt. Widerwillig ziehen sich die
Jäger und Sammler zurück, und unter Flüchen, die das Pflaster St. Paulis zum Erröten bringen
würden, schleifen sie ihre schweren Trophäenbeutel Richtung Nachbarstand. Die schweißfeuchte
Hand des Verlegers zählt zitternd den verbliebenen Bestand, sein Atem geht stoßweise, und die
Gespannhändler der umliegenden Stände gehen vorsichtig ein paar Schritte zurück, da sie wissen,
daß gleich wieder eine Anzeigenakquisition über sie hereinbrechen wird. Die böse Ahnung bestätigt
sich, der Verleger greift sich die gefürchtete Ledermappe und steuert rücksichtslos auf den ersten
Händler zu, den er routiniert in eine Hallenecke drängt. Mit kräftigen Hand- und Kieferbewegungen
überzeugt er ihn von der Notwendigkeit einer sofortigen ganzseitigen Vierfarbanzeige, bis dem
Gespannbauer das Blut aus dem Ohr läuft und er unterschreibt. Wie eine Zebraherde eines der
ihren dem Tiger opfert, um ungeschoren davonzukommen, atmet der Rest
der Gespannhändler
erleichtert auf: Für diesmal gerettet! So einem Händler gehts nämlich schon sehr dreckig, wie ich beim Besuch an seinem Stand erfahre. Mit riesigem Verlust verschenkt er seine Produkte, die Kunden besitzen die Frechheit eines Rudels Kojoten (wobei man ein sehr herzliches Verhältnis zu ihnen hat), die Geschäfte gehen gut (wenn ein redaktioneller Bericht bevorsteht) und gleichzeitig schlecht (wenn die Sprache auf Anzeigenrechnungen kommt). Bitter beklagt sich der Händler darüber, daß nie ein Test seiner einzigartigen Kreationen erscheint, obwohl man ja ein Gespann nur zwei Kilometer fahren müsse, um es zu beurteilen, und länger bekämen es die Redakteure ohnehin nicht. Der Kollege wiederum ist beleidigt, weil ein Bericht behauptet habe, eines seiner Fahrzeuge würde Abgase in den Beiwagen ziehen, und dabei habe er eigenhändige Tests mit Frau und Hund gefahren, und beide hätten es knapp überlebt, wenngleich der Hund nur um zehn Minuten.
Das Gebiß eines anderen Kollegen ist gefletscht, als er seiner Meinung über anwesende und nicht anwesende Konkurrenzprodukte Ausdruck gibt. Das kann ja alles nicht halten, und das Material taugt nichts, und viel zu leicht ist es und entsetzlich häßlich, und das Gewicht ist zu hoch, die Spur zu breit und zu schmal, alles auf Biegung, Dehnung, Scherung und Torsion beansprucht, und schließlich sei die ganze Konstruktion von ihm selbst abgekupfert.
Wie gewünscht nicke oder schüttele ich den Kopf in der Hoffnung, in einer Schimpfpause
fliehen zu können. Das gelingt mir, und ich renne
dem Bekannten
in die Arme. "AHAHAHAHAHA!" lachbrüllt er und haut mir die laverdagestählte Linke auf die Schulter, daß das Schlüsselbein splittert. Ich habe ihn wirklich ewig nicht gesehen, seit vorgestern. Was ein Zufall, daß man sich auf dieser Messe trifft, er wohnt ja volle fünf Kilometer weit weg! Er lädt sich an unserem Stand auf acht bis fünfzehn Tassen Kaffee ein, das muß ja gefeiert werden, einen Konjack habt ihr wohl nicht da, AHAHAHAHA!, ist euer Blättchen immer noch so schlecht, zum Glück hab ichs noch nie gelesen, und was treibt die Frau, AHAHAHAHAH!, und hast du immer noch diese Schrottmühle kauf dir mal was gescheits was macht die Gsundheit ich hab in letzter Zeit dauernd Sehnenscheidenentzündung links weiß gar nicht wies kommt anderlaverdakannsjanichtliegen.
Tief atme ich ein und aus und lerne
den Esser
schätzen. Gemeint ist nicht Wallraff, sondern der Besuchertyp, der schweigend und mit
gesenktem Blick am Stand vorbeiwatschelt. Beide Hände umklammern ein dreieckiges Stück
Fladenbrot, aus dem sich ein dünnes weißes Zaziki-Rinnsal seinen Weg durch die Finger Richtung
Ärmel sucht. Während der Mensch andächtig seine Fangzähne in den Döner schlägt, weicht die
Menge vor ihm und dem spritzenden Tomatenfleisch zurück. Sein Kiefer schnappt nach einem
fallenden Salatblatt. Nach dem Verzehr der Papierserviette ist der Mensch am Stand mit
schwäbischen Spezialitäten angelangt. Eine Spur fettiger Zwiebelringe markiert seinen Weg durch
die Messe. Stumm deutet er auf drei Portionen Schupfnudeln mit Sauerkraut, ordert eine Schüssel
Maultaschen und verlangt mit einer Kopfbewegung zwei Weißwürste mit süßem Senf - was immer
daran schwäbisch sein soll.
Die Messe ist rum, die Besucher werden zum Ausgang gebeten. Ich stecke das Geld des
Verlegers ein, fülle meinen Kinderwagen mit Bratwürsten, schiebe das von mir zerschrammte
Gespann in die Ecke und schimpfe noch ein wenig über Gott und die Welt. Es ist ein gutes Gefühl,
als einziger auf dieser Welt normal zu sein.
Hans aus Großsachsen