Loreley oder: Wirklich harte Biker


Es gab mal ein Stressertreffen auf der Loreley und Hardy wollte hin. Guzzi war vorübergehend abgemeldet und Emmi entschied sich das es nach über 50.000 Gespannkilometern mal wieder Zeit für ein neues Kurbelwellenhauptlager sei. Also sah schlecht aus. Im Laufe der Woche geschah es dann, das ich vom Nachbarn auf dem Weg vom Auto (ein schlimmes Wort, ich weiß! Aber als Stresser in einem großen Elektrofachmarkt (ich bin doch nicht blöd!) muß ich mich nun einmal als Mensch verkleiden und kann es mir nicht leisten mit total zerfledderter Frisur aufzulaufen. Und wenn die wüßten das ich sonst in der Ledercombi wohne...) nach Hause mit einer Bierflasche abgefangen wurde.

Im Laufe des Abends begab sich folgendes Gespräch:

"Was mass'n nächstes Wochenende?"

"Weiß nich, wollte eigentlich zur Lore."

"Und wieso nich mehr?"

"Motor von Dreirad platt!"

"Wieso?"

"Pleuelfußlager explodiert, Nadeln angesaugt, also Zylinder und Kolben auch platt. Krieg ich bis zum Wochenende nich mehr hin."

"Das nich gut."

"Könnste Recht haben."

"Und nu?"

"Muß ich hier bleiben."

"Nimm doch mein Roller."

ROLLER?!?!?!?!?!?! ICH!?!?!?!?!?!?!?!?!?

Ansgar hat einen 125er viertakt Kymko Roller, Typ "Heroism", offene Version.

Das der Name Programm ist, sollte ich noch erfahren.

"Geht locker 120, brauch nur 2,5 Liter."

Roller! Aber in der Not frißt der Teufel bekanntlich Fliegen. Angebot angenommen. Roller begutachtet. Kleiner Gepäckträger, sieht aber recht stabil aus. Is so ein 10 x 15 cm Teil. Schade das da meine große gelbe Gepäckrolle nicht drauf paßt. Was sagst du, einfach auf den Soziussitz schnallen? Ey, Alte(r), das is ein Roller, und der hat seinen Tank bekanntlich unter der Sitzbank. Und die wird nach Vorne hochgeklappt! Und eine Gepäckrolle, einen Meter breit, 50 cm Durchmesser bekommt man dann wirklich nicht unter. Also kannste knicken. Deshalb Gepäck reduzieren und zwei kleine Rollen nehmen. Bei der Gelegenheit fiel mir aber das geräumige Helmfach auf. Da kann man das Bier gut und Schwerpunktgünstig einlagern. Die Obstkonserven für den Kuchen (Eingeweihte wissen worum es geht!) sind dort auch gut aufgehoben. Doch wohin mit den Tortenböden? Ohne das sie zermatscht werden? In die wasserdichte Ortlieb Fahrradtasche! Es gibt da doch diesen praktischen Taschenhaken auf dem Durchstieg. Getestet, klappt gut! Also, los geht's. Tank ist laut Tankuhr noch drittelvoll, reicht also erstmal. Tanken in Osnabrück eingeplant. "Damit kommst du aber auch noch bis zum Rastplatz Tecklenburger Land." Trotzdem, lieber in Nahne Tanken. Dann hab ich erst mal Ruhe. Angeschmissen. Der kleine Eintopf blubbert kernig vor sich hin. Klingt gar nicht mal so schlecht! Also los. Bischen Gas, ich schlingere vom Hof. Nein, nicht wegen dem Gepäck, das ist fest. Aber diese kleinen Räderlis! Zieht eigentlich gar nicht so schlecht. Nur: irgendwie hab ich ein komisches Gefühl. Kann das richtig sein, so ganz ohne Schalten? Los geht's auf die Bahn. Praktisch, wenn man fast an der Autobahnauffahrt wohnt. 120? Bei 100 wird's zäh, bei 110 ist der Arsch ab. Aber Ansgar ist ja auch noch nie mit einem Zentner Gepäck gefahren. Und ganz so viel Windangriffsfläche wie ich und meine Gepäckrollen hat er ja auch nicht zu bieten. Nach 10 Kilometern beginnt das Kreuz zu schmerzen. Die Tanknadel geht aber schnell zurück! 20 Kilometer. Der Hintern schmerzt. Das kann ja Eiter werden! Ich habe den Eindruck die Tanknadel sackt durch. Wenn die Tankuhr richtig geht wird das aber bald eng. OS-Nahne Abfahrt. Ran an die ESSO, den Tiger in den Tank packen. Absteigen fällt schon schwer, die Knie schmerzen, ich krieg sie kaum gerade. Tanken. 3 Liter? Tatsache, mehr geht nich rein. Das gibt kurze Etappen! Nächster Tankstop Münster Süd. Absteigen? Autsch, geht nich! Langsam den Allerwertesten entlasten. Nach ca. 40 Sek. bin ich tatsächlich runter. Tank ist 3/4 leer. Das kann man dann wirklich gebrauchen. 2,5 Liter getankt, der Tankwart fühlt sich etwas verarscht. Dann geräumige Zeit leichter Regen. Hier kann der Roller eine seiner Stärken voll ausspielen: den Wetterschutz! Trotz nur normaler Latschen ohne Regenschutz bleiben die Füße trocken. Nach mehreren Kurzetappen (wegen Sprit fassen) irgendwann tatsächlich von der Bahn runter. Schon 110 Kilometer auf der Uhr, langsam dürfte mal 'ne Tanke kommen. Da ist ja auch schon eine! Leider schon zu. Die darauffolgende auch. Dauert aber noch weitere 20 Kilometer. Tankuhr ist auf Unterkante Reserve. Das kann nicht mehr lange gut gehen. Doch da: das Licht am Ende des Tunnels! Die Werbebeleuchtung einer Tankstelle strahlt mir entgegen! Rettung! 130 Kilometer, der Tank ist nur noch leicht feucht. Das heißt es ist wirklich kein Sprit mehr zu sehen. 3,5 Liter Normal gehen rein, mit quetschen. Das ist ein Tank! Aber immerhin, die Tankuhr geht schon sehr genau. Jetzt nur noch Landstraße bis zur Loreley. Und ich lerne in den vielen Ortsdurchfahrten eine weitere Stärke der Kleinen kennen: Den brutalen Riß des kleinen Eintopfs in Verbindung mit dem stufenlosen Getriebe! Geht bis ca. 70-80 km/h richtig heftig ab, hätte ich der Kleinen gar nicht zugetraut! An den Ampeln bin ich der King! Der Motor dreht zum Punkt des maximalen Drehmoments und verlängert dann die Übersetzung. Beim Start werden selbst GTI-Treter blaß, das macht richtig Spaß: Hahn auf und tschüs! Bis der seine Herde PS einsetzen kann (Frontantrieb und nasse Straße) arbeitet die Geschwindigkeitsbegrenzung gegen ihn. Hier ist überall nur 50 km/h erlaubt und es stehen viele Vogelnisthilfen, sogenannte Starenkästen, am Straßenrand. Hat anscheinend Angst um seinen Zettel, der feige Sack. Irgendwann komm ich dann tatsächlich in stockfinsterer Nacht auf der Loreley an.

Ich steh noch nicht ganz und schon weht mir ein inbrünstiges:

"Was'n das?!?!?! Ein Popperkloh!!!"

entgegen. Helm ab, Entsetzte Blicke! Was denn, du?!!?! Großer Erklärungsbedarf, dem muß ich erstmal nachgeben. Dann beginne ich abzusteigen, das dauert fast 2 Minuten, du weißt warum. Das war zwar eigentlich keine besonders lange Anfahrt, aber bisher mit Abstand die härteste! Die 1300Km mal eben vom Großglockner nach Hause mit dem MZ-Gespann damals waren jedenfalls ein Witz dagegen. Ich habe jetzt wirklich Respekt vor Langstrekenrollerfahrern!

Erstmal ein Bier gelenzt, großes Hallo bei den Umstehenden. Dann informiert: Wo hängt denn ungefähr der Dülmener Stammtisch rum? Ecke gesucht, Zelt gebaut. Zwei Würstchen gegrillt und mit festem und flüssigem Brot inhaliert. Heia! Ich bin Schrankfertig! Das waren die härtesten 400 km meines bisherigen Lebens! Am nächsten Morgen wecken mich die Zeltnachbarn.

"Was das denn? Ein Roller? Wo kommt der denn her? Und was will der hier?"


Ich schäl mich aus dem Schlafsack und quäl mich aus dem Zelt.

"Kuckt mal! Hardy ist da!"

"Dann gibt's bestimmt wieder Kuchen!"

"Hallo Hardy! Wann bist du denn gekommen?"

"Letzte Nacht"

"Weißt du wo der Roller herkommt?"

"Da bin ich mit da."


Großes Gelächter der Umstehenden. Alles Leute die mich kennen. Die sich das überhaupt nicht vorstellen können. Und außerdem hätte ich da ja niemals das ganze Gepäck mitbekommen. Können sich wirklich nicht vorstellen wie dieses kleine Gerät eine solche Ladung transportieren und diesen Transport überstehen sollte. "Nee, jetzt mal ehrlich, wo steht dein Moped?"

Ja, die Aufklärung der Leute war wieder einmal etwas anstrengender. Schließlich mußten sie das Unvorstellbare aber doch zur Kenntnis nehmen. Dann konnte der (oder die?) Erste wieder an etwas anderes denken:

"Dann gibt's diesmal keinen Kuchen?"

Die Leute begannen wieder weiter zu denken. Rundum enttäuschte Gesichter!

"Keine Sorge, ich hab alles dabei."

Die Stimmung bessert sich wieder. Erst mal kräftig frühstücken und die Welt ist dein Freund. Also die Kaffeemaschine aktiviert, den Fisch in Tomatensauce aus der Dose befreit und zusammen mit einem löffelabweisend starken Kaffe und kernigem Bauernbrot in den Hals geschoben. Dann war erst einmal eine

Loreleybesichtigungstour angesagt. Der Felsen war von Bussen mit Kaffeefahrern (leicht erkennbar am Altersdurchschnitt jenseits der 69, die zwischen 22 und 34 Jahre jungen Fahrer mit eingerechnet), Holländern und Asiaten bevölkert. Das typische Siteseeingpublikum also. Deshalb recht schnell wieder zurück zum Treffenplatz. Beim Zelt vorbei, Brot, Grillwurst und Löwensenf

gegriffen und ab zum Lagerfeuer, abermals den Schwenkgrill testen. Anschließend war Kuchenbacken angesagt. Na gut, eigentlich Tortenboden belegen.

Die Entstehung der Bikertorte und das genaue Rezept wird eine eigene Story und bald nachgeliefert. Nachmittags die übliche Kuchen und Biervernichtung, abends die stresserüblicheren festen und flüssigen Leckereien inhaliert, fleißig Benzin geredet und das tolle Wetter bewundert. Nur Frosch oder Lurch hätte man sein sollen. Aber ein bischen erhöhte Luftfeuchtigkeit hat einen echten Stresser ja noch niemals wirklich tangiert. Zwischendurch noch einen neuen Staubfänger abgegriffen. Wegen Rolleranfahrt! Wer hätte mit sowas gerechnet? Ich jedenfalls nicht.

Eher mit öffentlicher Steinigung. Übrigens:

Was meint Ihr, macht Siggi nicht eine tolle Figur als Lautsprecherturm?

Als es dem Morgen, ähm, der Morgen graute allmählich in die Penntüte zurückgezogen. Ihr wißt ja: erst wer nach Mitternacht nach Hause kommt kann mit Fug und Recht behaupten er ist früh zu Bett gegangen! Irgendwann von irgendwelchen Irren geweckt worden die meinten sie müßten mitten in der Nacht (irgendwann zwischen 9 und 10 Uhr) nach Hause starten. Also da sowieso wach zum Frühstück mit totem Fisch und Kaffee gegriffen, anschließend wie üblich widerwillig das nasse Zelt zusammengepackt und die bei diesem Wetter übliche Frage gestellt:

"Wieso tust du dir das hier eigentlich an?" Wieder mal keine befriedigende Antwort gefunden. Im gleichen Moment aber auch gewußt das ich es mir immer wieder antun werde. Und wenn es gar nicht anders geht sogar mit Roller. Die Rückfahrt verlief ähnlich wie die Hintour, nur das tagsüber die Tankstellensituation besser war als nachts. Abgeladen, Rollerrückgabe, Gepäck in den Keller und ab in die Wanne. Langsam wieder auftauen und beobachten wie sich die Dreckflöckchen vom Körper lösen und allmählich an die Wasseroberfläche steigen. Ein schönes Gefühl diese Sauberkeit! Dann Heia, Schlaf nachholen.

Der Montag und die Arbeit warten...

Bis dann, du da draußen!

Was immer du fahren magst...


Hardy