Kleine Räder rollen schnell


 

Feuchte unwirtliche Kälte kriecht langsam in den Körper und macht zuerst die Finger klamm. Die anfängliche Begeisterung hat der Nebel aus Gesicht und Herz geblasen, Entschlossenheit und Mut beim Losfahren beginnen einer langsam aufkommenden Resignation zu weichen. Unbequemlichkeit und Langeweile strecken ihre grauen Krallen aus – ”Ende einer Dienstfahrt?”


 

Doch die Technik und das eben noch lebendig schnurrende Triebwerk retten mich aus solcher Stimmung. Die elektronische Zündung spuckt, der Motor steht und macht mich ganz plötzlich ohne mein Zutun zum Verlierer – tilt? Wer gewinnt: Die Jukebox oder ich? Die graue Wand, gegen die man eben noch gefahren ist, ist vergessen. Soll ich mich noch einmal geschlagen geben, wie damals vor einem Jahr, als durch Salzwasser und Vibrationen die Zündbox ausfiel und ich ganz unerwartet nach einem Sturz im Krankenhaus landete? Nein, diesmal habe ich vorgesorgt, der Einbau des vorsichtshalber mitgeführten Ersatzteiles ist schnell geschafft und macht wieder Mut. Zunächst also gewonnen, not- falls geht’s auf einer Backe weiter bis nach Kiel!


 

Etwas klamm, doch zufrieden, ja sogar ein wenig stolz, komme ich am Fährbahnhof an, die an- noncierten 35 Minusgrade machen mir geradezu warm, oder ist es die freundliche Speditionskauffrau am Schalter? Wenig später genieße ich in der Stadt Kaffee und Weinbrand, wohlig recke ich mich hinter der Kaffeehausscheibe, draußen hasten winterlich vermummte Gestalten vorbei, die Vespa steht am Bordstein – warte nur!


 

Mittlerweile haben sich am Oslokai noch mehr Mitreisende eingefunden, auch eine Gruppe von Leuten auf ”richtigen” Motorrädern; abenteuerlich oder chic verkleidet steht man beieinander nach dem Motto: ”Mensch, was sind wir doch für Kerle! (und Weiber!)”, raucht, schwätzt und lacht, schielt unverwandt zum Vespamann: Hat der sich verirrt? Sicher nicht, ihr Fahrer und Beifahrer! Aber ich bin schüchtern, soviel geballte Motorleistung macht mich unsicher. Wird meine Minimalausrüstung reichen, kann ich diese Expedition mit wenigen Pferde- stärken, Sommerreifen, mit einem Motorroller bestehen? Ich stehe zwar jetzt mittendrin, doch so richtig zu bewähren brauchten wir uns bis jetzt noch nicht. Gelassen fahre ich aufs Schiff, auf dem ich mir zunächst winzig vorkomme – wie Jonas im Walfischbauch – mich aber bald wohlfühle.


 

Die Fahrt durchs Kattegat wird schließlich ziemlich gemütlich, zollfreier Alkohol löst im Laufe der Nacht Hemmungen und die Zunge, die Rocker vom Oslokai entpuppen sich spätabend als harmlos und umgänglich. Die Bettruhe ist kurz, ich schrecke hoch, es knirscht und schrappt – so muß sich die Titanic den Rumpf durch einen Eisberg aufgeschlitzt haben, die Passagiere im Unterdeck ertrinken als erste, denke ich, aber die Alarmglocken schrillen nicht, keine Panik, das Schiff geht nicht unter; ich träume. Irrlichter in dunkler Nacht, Trolle, Hexen, blauer Schnee und schwarze Wälder, Norwegen, Oslo...

Der neue Morgen nach der Landung ist nicht so verklärt, keine kalte Nässe, brauner Nebel liegt trübe über der Stadt, es riecht nach Rost und Fisch, ist das Oslo? Wir Kradkameraden versammeln uns am Zoll, es gibt kleine Unstimmigkeiten, wir verstehen nicht, warum die spinnen, die norwegischen Zöllner; ich fahre schon los, Hektik, Gestank, Matsch, wo bleibt das Eis? Ich finde es abseits der Hauptstraße in der kleinen Abkürzungsstrecke, die ich von Tangen nach Elverum fahre. Längs- und Querrillen auf festgefahrenem Schnee und vereisten Stücken – die Norweger benutzen die Straße als Schlittenbahn – lassen die Vespa wie auf Eiern fahren. Endlich ist es soweit, der Elch von Elverum glotzt mich an, Touristenattraktion, aber auch Zeichen für die Kristallrallyefahrer. Jetzt geht es auf weniger stark befahrener Straße weiter nach Norden und man ist schon ein gutes Stück vorwärts gekommen. Umso ernüchternder wirkt das Hinweisschild kurz danach: Tynset 191 Kilometer! Gleich scheint es ein bißchen kühl, der Schnee rechts und links der Straße schimmert blau, die Bäume in der Ferne recken schwarz ihre Wipfel in den etwas heller gewordenen Nebel. Freigefahrene Spuren auf der Straße – grau griffig – leiten mich wie hilfreiche Bänder lange Zeit immer weiter. Zwar rauschen ab und zu die Gespanne vorbei, eine Schneewolke hinter sich her wirbelnd, aber ich bin nicht neidisch. Zügig summt die Vespa vorwärts.


 

Zwischen Koppang und Alvdal treibt der Nebel auseinander und eine tiefstehende milde Sonne verzaubert die Kuppen und Abhänge mit einem zarten Glitzern.


 

”Hans im Glück, wo willst Du hin?”


 

Alle Mühen sind erst recht vergessen, als es den schneeweißen Weg nach Savalen hinauf geht: Winterlandschaft wie im Märchenbuch.


 

Gebrumm schreckt mich aus der Verzauberung, zwei schwedische Solomotorräder, deren Fahrer sich mit Kufen abstützen können, fegen in atemberaubendem Stil durch die Kurven und verschwinden wedelnd in der nächsten. Savalen Fjellstue ist erreicht.


 

Ungelenk vom langen Stillsitzen steige ich ab und stakse zur Hotelrezeption. Das Ausfüllen des Anmeldungsformulars gelingt mir erst, nachdem ich die klammen Finger an einem Tee aufgewärmt habe. Mein Blick geht durch die Vorhalle und nach draußen auf den Platz vor dem Hotel. Viele Gespanne, schöne und weniger schöne, interessante Konstruktionen und technische Leckerbissen neben alltäglichen Kombinationen, auch das eine oder andere abenteuerliche Dreirad erregt zumindest Aufsehen; einige Solomotorräder stehen da, Fahrer, Beifahrer und Besucher beschauen die Kuriositäten und machen wichtige Gesichter. Auffällig unauffällig dazwischen parkt meine Vespa, etwas fremd und exotisch, verwunderlich. Da kommt mir zum ersten Mal der Gedanke: Auch kleine Räder drehn sich schnell.


 

Der Abend dämmert und immer noch trudeln Nachzügler ein, anfeuernde Getränke ersetzen mehr und mehr den heißen Tee, entsprechend lockert sich die Stimmung. Es wird viel gefachsimpelt, man holt Ratschläge ein und tauscht Erfahrungen, man stellt sich dar und seine Maschine, gibt ein wenig an, und je später der Abend, desto größer werden die Prahlereien und manchmal leider auch desto bissiger der eine oder andere Scherz. Leidenschaftlich verteidigt einer mit schwerer Zunge die Vorzüge seines Motorrades und verunglimpft die ”feindliche” Marke, ein anderer ist der beste Gespannakrobat, ein nächster der Schnellste. Aber Benzin ist flüchtiger als Jägerlatein. Nach kurzer Nacht, mit der aufgehenden Sonne sind die Räusche ausgeschlafen, über freche und dumme Schnacks vom Vorabend wird gelacht, gemeinsamer Wintersport und Schaufahrten in der Nähe des Hotels füllen den Vormittag aus. Gegen Mittag wird es ziemlich warm, die Sonne brennt und bringt sogar das Thermometer zum Schwitzen; die Jungs lümmeln sich in Bermudashorts auf der Terrasse, einer kramt sogar seinen Tropenhelm hervor (angeblich haben ja Gespannfahrer immer alles dabei), ein Neger serviert eisgekühlte Longdrinks. Wenn wir das zu Hause berichten, glaubt uns wieder kein Mensch! – Aber auch ein kleiner Schneesturm darf, so mitten im Winter in der Nähe des Polarkreises, nicht fehlen: Gegen Abend, gerade kommen noch ein paar Franzosen mit absonderlichen Geräten angereist, und man fängt an, der untergehenden Sonne zuzuprosten, bewölkt sich der Himmel, ein böiger Wind wirbelt feinen Schneestaub durch die Fugen und bläst die nachmittägliche Südseeidylle weit weg, das Eismeer rückt näher. Noch einmal kreisen die Humpen, verdeckt wird Feuerwasser nachgefüllt (die Augen des Fjellstuewinters werden darinnen immer giftiger und größer, sein Kopf schwillt rot an – inzwischen wird der Kerl wohl geplatzt sein wie weiland Rumpelstilzchen – ), und wieder werden Storys aufgewärmt, daß sich die Balken biegen, leider auch nicht ganz passende Lieder gesungen, oder täuscht sich mein trunkenes Ohr?


 

Fast ohnmächtig falle ich aufs Laken. Träume, schlafe oder wache ich? Fetzen einer Melodie, Worte, schnelle Kurven, Motorengedröhn, Wespengesumm, wer schlägt den Takt zum Liebesspiel, Eis und Schnee, kalter Mond, der graue Zitteraal ver- sinkt in den Fluten einer Hundertkronenkornflasche und ich in schwarzen Spiralen der Nacht.


 

Das Karussell dreht sich am nächsten Morgen noch, schwindelig und geblendet sehe ich zum Fenster hinaus, eifrige Aktivitäten der Leute draußen wirken eher lähmend auf mich. Ich lasse sie vorheizen und kicken, frühstücke lieber noch in Ruhe, dusche und schnüre mein Ränzlein. Inzwischen ist es den meisten gelungen, die Motoren zu starten und warmlaufen zu lassen, man packt auf, steigt dick vermummt in die Kisten und rauscht und rutscht fröhlich winkend davon. Nach zwei aus- gelassenen Tagen und Nächten bin ich gern wieder allein. Wohltuend empfinde ich jetzt die Einsamkeit der Landschaft und fahre der tiefstehenden Sonne entgegen. Blau und grell schimmert das Eis auf der Straße und bricht und spiegelt die mich blendenden, aber auch wärmenden Sonnenstrahlen. Friedliche Stille des Sonntagsmorgens liegt über den wenigen kleinen Dörfern, auch der Wald wirkt in diesem Lichte freundlicher. Rissig, die geplatzte Haut fröstelnd erstarrt, begleitet mich ein See, am Rande lagern Baumstämme, die aufs Flößen warten.

An einem Felsen glitzern mächtige Eiszapfen, ein gefrorener Wasserfall – oder ist es die Tür zu einem unterirdischen Schloß? So mancher rast vorbei und ahnt nicht, welche Schätze hier verborgen sind. Kalte Finger erinnern mich schnell wieder an die Wirklichkeit, die nächste Cafeteria in Koppang sieht mich als dankbaren Gast. Ebenso gern besuche ich später die Elgstue in Elverum, und diesmal auch von innen; erstaunt fragen mich die dort bereits versammelten Kradkameraden, wie ich denn mit meiner Vespa auch schon da sein könne. (Lieber Leser, hast du aufgepaßt? Richtig: Kleine Räder drehen schnell, und die Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel kennst du doch auch noch!) Von Elverum aus trennen sich die Gruppen, alle suchen vor Oslo noch ein Nachtquartier, die unterschiedlichsten Ziele werden genannt. Die Gruppe, der ich mich angeschlossen habe, findet eine heimelige Unterkunft in Hamar. Die Jugendherbergsmutter läßt uns rauchen, trinken und erzählen, solange wir wollen!


 

Am kommenden Mittag trifft der buntgewürfelte Haufen am Fährschiff wieder zusammen, leider hören wir schlechte Nachrichten von unterwegs. – Hoffentlich geht es den Verunglückten bald besser! – Der bei einem anderen Gespann abgerissene Zylinder läßt sich zwar erst zu Hause reparieren, dies ist ärgerlich und umständlich, tut aber glücklicherweise nicht weh! Endlich sind alle im Leib der ”Kronprinz Harald” verstaut. Wir legen ab. Die Stadt Oslo, von der ich nur einige graue Straßen und den Geruch kenne, bleibt langsam zurück, das Schiff gleitet durch den Fjord, an kleinen felsigen Inseln vorbei, manchmal ganz nahe am Ufer mit seinen bunten Spielzeughäuschen, der offenen See zu. Mit den letzten roten Strahlen der Sonne gehen wir unter Deck und verbringen den Abend im Salon. Dort werden noch einmal heiße Themen diskutiert und wird heftig Benzin geredet, aber man ist doch etwas schlapper geworden, der Schwungist in Savalen geblieben (oder schlägt er doch noch mal zu und trifft zwei norwegische junge Damen?). Quakend torkeln mitten in der Nacht ein paar Skandinavier abgefüllt mit zollfreiem Sprit durch die Gänge des Schiffes, das sich leise mit dem Stampfen der Maschine schüttelt und sachte durch die Dünung rollt. Draußen ziehen Lichter vorbei, die aufgereiht wie an Schnüren von den dänischen Inseln herüberscheinen. Ich kann jetzt noch nicht schlafen, ich will noch daran denken, mich freuen an den Erlebnissen dieser Fahrt. Wann werde ich zu Ähnlichem wieder aufbrechen können? Die letzten Tage und Nächte leben jetzt noch so kraftvoll und beschäftigen mich, bald werden sie verblassen und uns unwichtiger erscheinen. Ein farbiger Kiesel auf der Straße bleibt zurück.

Frieder Lüder