„PS – Die neue Motorradzeitung“


Das Angebot von Motorradzeitschriften war noch nie so groß wie heute, was aber nichts über die Qualität aussagt. Im Gegenteil. SPI natürlich ausgenommen, muss man eine gute Zeitung mit der Lupe suchen.

Als einer, der dem guten Baujahr ’56 entstammt, bin ich Anfang der 70er zu meinem ersten Motorradheft gekommen. ’Das Motorrad’ hieß die Zeitung und war damals die Lektüre für Mopedfahrer. Dann - man schrieb das Jahr 1974, kam im Sept./Okt. etwas auf den Markt, was sich ’PS’ nannte.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, war ich doch zu dieser Zeit gerade in der Ausbildung und musste mit ein paar Mark im Monat auskommen. Die Zeitung war klasse, interessant, einfach anders und ich konnte es jedesma1 kaum erwarten, bis die neue Ausgabe am Kiosk auslag. Die Zweimarkfuffzig mussten, trotz aller damaligen Engpässe, drin sein. Es war eine tolle Zeitung, die von Leuten gemacht wurde, die Sachverstand besaßen ohne etwas gegen ’Das Motorrad’ sagen zu wollen; ’PS’ war einfach besser. Namen wie Leverkus, Pietsch, Poensgen, Simsa, Mei sind noch heute ein Begriff und sie waren es, die das Gesicht dieser Zeitung über Jahre hinweg prägten. ’Klacks’ hatte schon vor seinem Tod so etwas wie Kultstatus erreicht (wenn man dieses, heute reichlich strapazierte Wort, in diesem Zusammenhang überhaupt benutzen soll). Vorhandene Lücken konnte ich, dank meines Freundes Bernd, schließen, sodass ich über eine komplette Ausgabe dieser Zeitschrift verfüge (2 - 3 Ausgaben fehlen allerdings mittlerweile ob ich die verschlampt, oder verliehen und nicht zurückbekommen habe, ist leider nicht mehr festzustellen)

Die Jahre gingen ins Land und brachten Veränderungen mit sich, die auch vor ’meiner Zeitung’ nicht halt machten. Ja, die Zeit verändert Gesichter. Erfahrungen, Erkenntnisse u.ä. tragen zu einer Weiterentwicklung bei, lassen den Charakter aber unberührt.

Nicht so bei ’meiner Zeitung’.

Die veränderte nicht nur ihr Gesicht, nein - sie veränderte ihre Persönlichkeit, falls man davon bei einer Zeitschrift reden kann. Aus Motorrädern werden keine Autos, aus Frauen keine Männer (gilt auch umgekehrt) aber aus einer prima Fachzeitung wurde ein buntes Motorradbilderbuch ohne (Fach)Inhalt. Produziert für eine Gruppe, die glaubt zu den Motorradfahrern zu zählen, mit diesen aber nichts gemein hat, außer dass man sich so’n Ding halt gekauft hat. Ob diese Typen surfen, drachenfliegen, snowborden oder was weiß ich sonst noch machen, sie betreiben alles nur, wei1 es ’IN’ ist, weil sie glauben, damit zur Szene zu gehören.

Mit Tränen in den Augen verfolgte ich den, Niedergang eines Werkes, welches von Fachleuten geschaffen und von Dilettanten systematisch demontiert wurde.

Ich wollte einen Leserbrief schreiben; ich wollte diese Typen auf- rütteln; ich wollte, dass diese Zeitung wieder Niveau bekommt.

Im Frühjahr ’99 beschloss ich, mein Abo zu kündigen.

Der Briefwechsel ist nachfolgend wörtlich wiedergegeben.


PS Motor-Presse-Verlag GmbH 24.03. 1999

Betr: P S-Leser-Abo/Leserbrief


Hallo!

Da ich Eure Zeitung von Heft Nr. 1 an lese und mir nur 2-3 Hefte in meiner Sammlung fehlen, kann ich mir ein Urteil über die Qualität dieser Zeitschrift erlauben. Von dem Geist und der Qualität der Anfangsjahre ist leider nichts mehr übrig geblieben. Den Gründern muss es wie ein Schlag ins Gesicht vorkommen, wenn sie heute darin blättern. Das Euch dies nicht interessiert kann man daran erkennen, dass Euch ’Klacks’ Tod nur eine kleine Notiz wert war. Klacks war einer der Gründer Eurer Zeitung und ein entsprechender Nachruf/Rückblick auf sein Leben und Schaffen wäre nur verdient.

Ich besitze keinen PKW und fahre seit 21 Jahren Motorrad, gehöre also nicht zu den motorradbesitzenden Autofahrern. Die Zulassungszahlen steigen, die Zahl der Motorradfahrer wird geringer. Die Zahl derer, die ihr Moped beherrschen und damit umgehen können, nimmt von Jahr zu Jahr ab. Auf der Geraden den Hahn aufreißen - um in der nächsten Kurve >das Teil< um die Ecke zu tragen oder langsam und unkonzentriert durch die Gegend zu ’dödeln’ - so fährt heute die Masse der ’Motorradbesitzer’. Schrauben kann eh kaum noch jemand.

Und dazu jetzt Eure Zeitung. Mopeds die entweder auf dem Vorder- oder Hinterrad steh’n, Schräglagen, die noch reißerischer aussehen, weil man das Bild noch zusätzlich kippt, so daß die

ganze Fuhre fast wagerecht in der Luft hängt . Oberflächliche Berichte von Leuten, die nichts zu sagen haben. Leserbriefe für die Tonne. Kurz eine Zeitung für Leute, die ihre vorpubertäre Phase noch nicht verlassen haben. Suhlt Euch ruhig in PS-Zahlen und überbietet Höchstgeschwindig-keiten, kitzelt mit High-Tech den letzten Rest aus den Motorrädern - es kann ja eh keiner mehr damit umgeh’n. Wo ist diese, ehemals sehr gute Zeitschrift, hingekommen? Die Schreiber sind ihre Leser und diese wiederum ihre Schreiber wert. (Der einzige Lichtblick ist die Rubrik ’Edelbike’).

Ich fahr’ recht gerne schnell, doch wenn ich (Ganzjahresfahrer) im März/April die Jungs wieder auf die Piste kommen seh’- rasen mit Herz aber ohne Hirn ... Und wenn’s d’rauf ankommt, (z.B. in den Alpen mit/ohne Gepäck) sind sie langsamer.

Man braucht mich auch nicht mehr zu grüßen - ich grüß’ schon lang’ nicht mehr zurück. Soll ich etwa Autofahrer grüßen?

Zum Glück sind von der guten alten Sorte noch ein paar übrig, mit denen macht es noch Spaß. Ihr anderen aber, bleibt unter Euch und lasst uns in Ruhe. Und nennt Euch nicht ’Motorradfahrer’!

Ach ja - hiermit kündige ich mein Abo zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Für eine Bestätigung wäre ich dankbar.


Unterschrift


Die Antwort folgte schon 2-3 Wochen später. Man beachte allerdings das Datum!


23.11.98


betrifft ihr Schreiben vom 24.3.99 Sehr geehrter Herr Nowak!

Sie haben recht - es gibt viele schlimme Spielarten der Spezies Motorradfahrer. Die Schlimmste ist aber diejenige, die ihre Art, diesen Sport zu betreiben, für die einzig richtige hält. Diejenigen, für die andere pubertäre Dödel sind, welche nicht einmal richtig schrauben können. Sogar das wäre noch in Ordnung, wenn diese elitären Herrschaften ihre Sucht beherrschen könnten, andere zu diskriminieren ohne sie überhaupt zu kennen. Nein, ehrlich, von der ”clementia”, die Sie im Vornamen tragen, kann ich nicht viel erkennen. Also wende ich die im vorletzten Absatz Ihres Briefes geäußerte Bitte an Sie zurück: Bitte lassen Sie uns in Ruhe, seien Sie künftig etwas vorsichtiger mit Beleidigungen und tun Sie nicht so, als hätten Sie allein über die rechtmäßige Verwendung der Bezeichnung ”Motorradfahrer” zu befinden! Im übrigen wünsche ich Ihnen noch unendlich viele, unfallfreie Motorradkilometer.

Mit freundlichen Grüßen

Ralf Schneider Ressortleiter Test & Technik


Meine Antwort sah wie folgt aus:


10.04. 1999

Betr: P S-Leser-Abo/Leserbrief Bezug: Mein Schreiben vom 24.03.1999 Ihr Schreiben vom 23.11.1998!?

Anlage: -1-


Sehr geehrte Damen und Herren!


Zuerst stellt sich mir die Frage, warum Herr Schneider als Ressortleiter ’Test & Technik’ mein Schreiben beantwortet, welches gar nicht an ihn gerichtet ist. Falls dies’ in der Funktion eines Vertreters geschehen ist, sollte er das bitte auch vermerken.

Mit einer Antwort auf meinen Brief hatte ich nicht gerechnet. Aber was dann von Herrn Schneider kam – na vielen Dank. Wem der Schuh paßt, der zieht ihn sich an?! Ich lese PS seit 1974 (ab Heft 1) ohne Unterbrechung und darf doch wohl erwarten, dass der Brief eines ’alten’ Lesers, auch wenn er sicherlich provozierend ist, etwas anderes bewirkt, als dieses geistlose Geschreibsel. (Liegt als Anlage bei)

Mit keinem Wort ist Herr Schneider auch nur auf einen meiner Kritikpunkte eingegangen. Richtig gelesen scheint er auch nicht zu haben, denn an keiner Stelle habe ich jemanden als ’pubertären Dödel’ bezeichnet! Mit seinen Latein-Kenntnissen, die er wohl recht gerne an-den- Mann-bringt, scheint es auch nicht weit her zu sein, sonst würde er sicherlich wissen, dass diskriminieren aus dem lat. ”... durch unzutreffende Äußerung in der Öffentlichkeit jemandes Ruf schaden ...” bedeutet. Welche meiner Äußerungen ist unzutreffend, wessen Ruf habe ich in der Öffentlichkeit geschadet? Weiterhin wirft er mir Beleidigung vor. Wen oder was habe ich in meinem Brief beleidigt, also in der Ehre gekränkt? Ich habe meine Meinung kundgetan, dies aber ohne ehrenrührig zu sein. Auch meint Herr S., dass ich die (die ich diskriminiere), nicht kenne. Falsch Herr Schneider - ich kenne sie. Ich kenne sie - die mich auf der Geraden wie die Gestörten überholen, um mir dann in den folgenden Kurven im Weg zu steh’n - die mir in Kurven auf meiner Fahrbahnseite entgegenkommen, und mir meine Ideallinie zu zerstören - die auf Mopedtreffen, an Mopedstammtischen, in Motorrad- Cafes auf den Putz hau’n - aber im Regen dann doch lieber den PKW benutzen - die bei einer Panne an mir vorbeifahren und vielleicht noch grüßen, aber nicht auf die Idee kommen anzuhalten und zu helfen (wie sollten sie denn auch, sie haben ja eh keine Ahnung) - die über Set-ups und Tune-ups reden und mit Fachbegriffen nur so um sich werfen, aber noch nie ’nen Hinterreifen oder ein Schwingenlager gewechselt haben - die von fernen Urlaubsreisen mit dem Motorrad erzählen, aber verschweigen, dass die Anreise per Autoreisezug erfolgte ich kenne sie...

Daneben wirft Herr Schneider mir vor, dass ich meine Art, diesen Sport zu betreiben, für die einzig richtige halte.

Wieder falsch Herr Schneider! Sport mit Motorrädern (Motorsport) wird auf Rennstrecken, abgesperrten Straßen oder im Gelände betrieben, auf keinen Fall ’a wohl auf öffentlichen Straßen!!!

(Ihre Zeitung suggeriert den Lesern aber genau das Gegenteil. Der Name der Zeitung, die Texte und erst recht die Bilder (u.a. z.B. Nr. 8/98 S. 20/21) sprechen Bände. Reicht die Schräglage nicht aus, wird das Ding [Bild] halt gedreht.) Ostern haben sich wieder ’ne ganze Reihe das Hirn eingerannt und Zeitungen wie die Ihre tragen, meiner Meinung nach, eine Mitschuld. Aufklärung und Tipps für Gefahrenquellen und richtiges Fahren sind wichtiger als reißerische Fotos. Ich fahre auch gerne schnell, aber wie man richtig und schnell fährt, hat am besten ’Klacks’ in einem seiner Bücher beschrieben. Sollte man vielleicht mal gelesen haben.

Motorrad zu fahren hat etwas mit einer bestimmten Lebenseinstellung zu tun, ist ein Gefühl, hat u.a. mit Verständnis für das Fahrzeug, für die Technik, mit Gefühl für die Natur und ’erfahrung’ der Umwelt zu tun. Sicherlich variieren bei den Einzelnen die Einstellungen und Gefühle, aber das heißt nicht, dass man ohne auskommt. Zumindest erwirbt man beides nicht mit dem Kauf eines Motorrades. Keiner, der sich einen Cowboyhut kauft, wird dadurch zum Cowboy!

Richtig motorradfahren erfordert Reife und Disziplin! Wer in seinem Motorrad ein Potenzmittel sieht, hat irgend etwas nicht verstanden.

Nebenbei bemerkt, ich warte immer noch auf die Bestätigung der Kündigung meines Abo. (Bitte auch zu welchem Termin)


Guten Tag


P. S. Herr Sehneider sollte sich um sein Ressort ’Test & Technik’ kümmern und lieber Technik testen als Antwortbriefe formulieren.




Das Antwortschreiben darauf war eigentlich keines, denn ich er hielt meinen Brief zurück. Oben rechts war handschriftlich vermerkt:



Herr Nowak, ich habe meinem geistlosen Geschreibsel von neulich, besonders dem zweiten Absatz nichts hinzuzufügen.

Mit freundlichem Gruß Ralf Schneider.



Mir bleibt nur, mich zu wiederholen: ”Wem der Schuh passt der zieht ihn sich an”. Die Presse darf kritisieren, aber wehe, jemand kritisiert die Presse.

Wenn ich mein Schreiben im Freundes-/Bekanntenkreis erwähne, muss ich feststellen, dass dort eine ähnliche Meinung über PS herrscht. Im Sommer endete das Abo. Die restlichen Hefte des 99er Jahrganges holte ich mir noch (vollständigkeitshalber). Im Dezemberheft übte ein Leser ähnliche Kritik und hatte darüber hinaus noch einen Vorschlag. Um eine vollständige Angleichung an englische und amerikanische Hefte zu erreichen, sollte PS auch noch ’n paar nackte Mädels ablichten.

Ich fände das prima. Das würde noch deutlicher das Niveau dokumentieren, auf dass diese Zeitung (leider) gesunken ist.


Alles fließt, nichts ist ewig! - Schade.


BMW-Clem us Kölle

Susi grüßt Tackelbery!