Die STRESS-PRESS-Tanzschule (SPITASCH)
Tanz den Knoblauch !
Der Mensch ist von Natur aus ein seltsam bewegungshungriges Wesen. Befestigt man mittels Kette eine schwere Eisenkugel an seinem Fußgelenk, so wird er trübsinnig; nimmt man ihm das Zubehör wieder ab und hindert ihn stattdessen an einer Drehbewegung der rechten Hand, so bittet er heulend wieder um die Kugel. Als es noch nichts zu drehen gab, erfand daher der Mensch verschiedene zwecklose Ganzkörperbewegungen, die er "Tanz" nannte. Manche behaupten, die bis zur Erschöpfung betriebenen spastischen Zuckungen namens "Chachacha", "Walzer", "Rumba" oder "Tango" bereiteten ihnen "Vergnügen".
Diesem abnormen Drang ist nun die Gründung der STRESS-PRESS-Tanzschule entgegengekommen. Geschickt werden in der ersten Lektion "Tanz den Knoblauch!" überkommene Rituale umgangen: "Darf ich bitten?" - "Verpiss dich, du Stinktier!"
Der/die Tanzlehrer/in kann den Kurs in Muße vorbereiten. Sehr gut eignen sich als Zündsatz "Sizilianische Edelsteine". Man braucht dazu: 30 große Knoblauchzehen, geschält 250 g Kouvertüre 1 TL Grand Marnier oder ähnlicher Likör gehackte Walnüsse
Knoblauchzehen in Wasser mit Eiswürfeln einlegen. So werden die Aromastoffe für die Pralinenherstellung "eingefroren". Schokolade im Wasserbad oder doppelwandigen Topf schmelzen, Likör einrühren. Koblauchzehen trocknen und durch die Schokolade ziehen. Auf Pergamentpapier oder Alufolie erstarren lassen. Falls gewünscht, wälzt man die Knoblauchpralinen kurz vor dem Erstarren der Schokolade in gehackten Walnüssen.
Die "Sizilianischen Edelsteine" besitzen das Aussehen kleiner Schokoladen-Ostereier, und, oberflächlich beleckt, sind sie das auch. Dem noch ahnungslosen und nicht ganz freiwilligen Tanzschüler wird der Auslöse-Konfekt zwischen andere Süßigkeiten gestellt. Der Delinquent greift zu, beißt hinein und kaut. In wenigen Sekunden wird er dies bitter bereuen, doch nun ist es zu spät, und er wird augenblicklich vollendet den Knoblauch tanzen.
Der Künstler leitet die erste Sequenz verhalten ein mit einer Verlängerung seines Gesichts auf geschätzte 87 Zentimeter. Dazu passend öffnet er die Augen, indem er die Lider hinter das Kleinhirn zurückklappt. Synchron quellen beide Augäpfel daumenbreit aus ihren Höhlen, die Lippen formen sich zu einem Versal-O der Schriftgröße 324 Punkt, und der Delinquent atmet heftigst aus, auch wenn er vorher gar nicht eingeatmet hatte.
Erst jetzt setzt - allegretto - die Bewegung des Restkörpers ein: Die Schulterblätter fahren horizontal etwa 20 Zentimeter auseinander, beide Hände werden gespreizt, die Ellenbogen auf Schlüsselbeinhöhe angehoben und die Unterarme parallel zum Körper gehalten.
Während die Darbietung bis jetzt eher langsam und fließend war - einer Tai-Chi-Übung nicht unähnlich -, so folgt nun, kontrastierend und für den Beobachter unerwartet, ein furioser Ultra-Quickstep von Unterschenkeln und Füßen. Der Schüler läßt die Sohlen auf dem Parkett einen Trommelwirbel tanzen; einst gab Fred Astaire einen wenn auch kläglichen Vorgeschmack auf diese Figur.
Während unser Lehrling den Kopf in den Nacken legt und, weitersteppend, den Tanz mit Lauten unterlegt, die Wildkaninchen von sich geben, wenn sie die Klauen des Lämmergeiers spüren, sortieren die Punktrichter bereits ihre Wertungstafeln.
Fortissimo: Sobald sich eine auch nur kleine Lücke im Zuschauerkordon auftut, schießt unser Tanzschüler in gestrecktem Galopp davon und beendet die Performance am nächstgelegenen Feuerwehrschlauch, durch den er die Löschvorräte des Stadtteils lenzt.
Bravo! Welche Kür! Und wie kurz stand dieser Stern am Himmel: Bereits die erste Solonummer war von vollendeter Harmonie - doch er wird sie nie wieder vorführen.
Tanz den Knoblauch - eine Performance von wilder Schönheit und kurzer Blüte.
Hans aus Großsachsen