Stresser unter sich
Auf dem STRESS PRESS Gespanntreffen (Weserbergland) drückte abends ein sanfter Nieselregen einen Großteil der Stresser in Günters Kneipe. Irgendwann geht die Türe auf und jemand ruft: "Ey, da hamse grade n MZ-Gespann mit dem ADAC gebracht!"
Nichts besonderes, denkt ihr jetzt. Doch mancher der Anwesenden bekam plötzlich so ein absonderliches Glänzen in die kleinen Augen. Einige derer gehen dann auch gleich zielgerichtet zur Tür, und während die eine Hand das Bierglas umklammert, machen die Finger der anderen Hand spasmische Bewegungen.
Amadeus heißt der Pechvogel, er kommt aus Kaiserslautern. Auch ich begebe mich nach draußen, vielleicht kann man ja helfen (zucken in den Fingern). Gerade wird die Wanderbaustelle in die spärlich beleuchtete Garage von Günter dem Kneiper geschoben, gefolgt von Hilko, Uli, Flipper, Kalli, Amadeus und mir. Die Versammelten kann man durchweg als profunde Edelschrauber bezeichnen, die mit verbundenen Augen alles reparieren können, was auf zwei oder drei Rädern daher kommt.
Angesichts dieser Ansammlung von Schrauberkompetenz griff ich nicht zu meinem Universal-Tool (für Eingeweihte: 11/2" Eckschwede), sondern zum Bleistift. In den folgenden Minuten habe ich versucht die Ereignisse mitzuschreiben:
Hilko kniet sich neben die MZ, prüft den Motor mit Schrauberblick, stellt sein Bier ab und sagt sehr ernst die folgenschweren Worte: "Ich brauch´ 'nen 13 und 17er Schlüssel."
Uli, triumphierend, während er seine Werkzeugrolle auspackt: "Ich hab´ alles!"
Amadeus darf noch mit einem Kerzenschlüssel aushelfen. Ein paar Augenblicke später ist zunächst mal die Kerze raus. Hilko hält den Daumen aufs Kerzenloch und hebelt den Kickstarter durch. Er spricht aus, was natürlich schon jeder wußte:
"Keine Kompression."
Kalli, der etwas abseits steht: "Der hat `n Loch im Kolben."
Hilko, sein Blick schweift über kurz über das mechanische Jammertal: "Der Zylinder muß runter."
Flipper, wischt sich den Bierschaum vom Bart: "Stocher doch mal mit 'nem Schraubenzieher"
Uli, bekräftigend: "Genau!"
Hilko, maulig: "Und warum hab´ ich noch keinen?"
Uli reicht Hilko den Schraubenzieher und Hilko stochert. "Da ist kein Loch."
Kalli, steht abseits und weis alles: "Der Zylinder muß runter."
Uli kniet sich neben Hilko und vier Hände tun das, was sie wohl ihr Leben lang getan haben. Etwa 4 Minuten später nimmt Hilko den Zylinder ab.
Hilko schaut überrascht: "Das ist ja ein 300er!"
Amadeus, jetzt kein Bier mehr im Glas: "Ja klar."
Kalli, er weiss halt alles: "Scheiße."
Uli, simuliert Feinmotorik und fummelt am Kolben: "Der Ring ist hin."
Kalli: "Beide?"
Uli: "Der hat nur einen."
Kalli, er weis es: "Quatsch, das sind zwei."
Hilko, er weis es besser: "Ne, da ist nur einer."
Kalli, voll konzentriert: "Ist das ´n L-Ring?"
Uli, fummelt: "Ja."
Kalli, jetzt weis er's wieder: "Die taugen nix."
Uli, denkt weiter: "Zylinder und Kolben müssen her."
Hilko: "Wenigstens leihweise." und trinkt sein Bier aus.
Flipper, mit wichtiger Miene: Wir können den Kolbenring doch durch 'nen Schweißdraht ersetzen."
Der Fachkommentar, der eher in die Wüste Gobi als ins Weserbergland passt, bleibt unbeachtet.
Hilko, hat Ahnung und entscheidet: "Wir brauchen ´was zum Messen."
Uli widerspricht: "Da brauchste nix messen."
Hilko hält plötzlich einen Messschieber in der Hand und mißt: "76,4."
Kalli, er weis es: "305er."
Amadeus, grinst: "Ich bin heut um halb elf weggefahren."
Hilko, stützt sich schwer auf der MZ ab und provoziert mit folgender Frage Denkvorgänge: "Was tun wir jetzt?"
Uli, trinkt sein Bier aus: "Wir brauchen Kolben und Zylinder."
Hilko, er denkt schon wieder weiter: "Woher?"
Uli, gibt sich ganz als Optimist: "Das kriegen wir schon irgendwie hin."
Amadeus, zusammenhanglos: "Klappstuhl."
Hilko, gibt einen Schrauberspruch zu besten: "Im Falle eines Falles, der Vorschlaghammer trifft alles" und fügt lustlos hinzu: "Wir machen jetzt Schluß."
Uli, erinnert sich: "Haste gesehen, da war gar keine Kopfdichtung."
Hilko: "Nur gut, dass es kein 4-Takter war."
Mein Kommentar: "Operation nicht geglückt, Patient trotzdem tot."
Hilko benennt den augenblicklichen Zustand: "Erweiterter Wartungsstau." und weiter: "Wir können es jetzt zwar nicht reparieren aber könnten es kostenlos entsorgen."
Flipper, saugt an seiner Kippe: "Genau! Wir entsorgen es kostenlos."
Uli, ganz der Optimist: "Das kriegen wir schon irgendwie hin."
Ein Stresser kommt zur Garage, Kano heißt er und macht das erste Angebot: "Ich geb´ dir 300."
Hilko, will sich die Preise nicht kaputt machen lassen: "Das ist zuviel."
Uli, schaut in sein leeres Bierglas: "Jetzt ernsthaft, was machen wir jetzt?"
Kano, schaut sich die abgebauten Teile an: "Also, bei mir auf´m Küchentisch liegt noch ´n Zylinder."
Hilko, er spricht etwas lauter: "Mooment, den soll ich doch billig kriegen!"
Flipper zu Kano: "Wo kommst du denn her?"
Kano: "Warendorf."
Flipper, mit Ortskenntnis: "Das ist ja noch weiter weg."
Amadeus: "Klappstuhl."
Hilko: "Mir ist kalt."
Alles stehen jetzt um das Kneelergespann im hinteren Teil der Garage und erzählen von wirklich wahren Begebenheiten und Echten Defekten.
Die MZ wird endgültig für tot befunden und Günter macht die Garagentüre zu.
Kalli, beim Weggehen zu Hilko: "Den Dreifünfer kannste einmal fahren und dann gleich wegschmeißen . . . "
Propeller Bernhard
PS
"Das Leiden am Fehlen der Finalität ist der postmoderne Zustand des Denkens, also das, was man gemeinhin eine Krise nennt."
(irgendwo gelesen)