Nun, zum Zwecke der Zerstreuung hat sich das Halten von Zwerghamstern als sehr probates Mittel erwiesen. Auch das Häkeln von Kaffeekannenuntersetzern und Tischdecken sei hier wegen seiner beruhigenden Wirkung anerkennend erwähnt. Manche Leute wiederum sind sehr zufrieden mit dem Züchten von Rosen oder Zierfischen. Es gibt sogar Menschen, die aus Streichhölzern den Kölner Dom nachbauen, oder im Fortgeschrittenenstadium, MZs pflegen.
Als eines Tages mein Arzt zu der Ansicht kam, daß ein entspannendes Hobby das Beste für mich sei, entschied ich mich nach langem Hin und Her für einen Motorrad-Anfänger.
Es ist nicht so, daß sie nicht putzig anzusehen wären, wenn sie beim Entgegenkommen mit verkrampftem Gesicht für Sekundenbruchteile den Zeigefinger vom Lenker reißen, den Blick starr auf die nächste Kurve gerichtet, und wahrscheinlich den Brauch des Grüßens verfluchen.
Auch birgt es ein meditatives Element, ihnen beim stundenlangen Schaukeln zuzusehen, wenn sie zu zweit auf einem Motorrad sitzen, und versuchen mit „Haaauuuu Rrruck!" vom Hauptständer zu kommen, damit die Fähre endlich zurückfahren kann (Nach 15 Minuten beschlägt einem meistens vom Lachen das Visier, dann sieht man sie leider nicht mehr scharf, aber es geht auch so).
Als nachteilig erweist sich nur, daß ihre Gurken gerade dann immer eine Kleinigkeit haben, wenn man ihnen Auslauf gewähren will. Wann immer man sie ohne Moped antrifft, und sie vorsichtig nach dem Zustand des guten Stücks befragt, antworten sie scheinheilig mit Belanglosigkeiten. Sobald man aber mal nicht aufpaßt, und sich mit ihnen zu einer Motorradtour verabredet, verwandeln sie sich in so etwas wie Venusfliegenfallen.
Mein Anfänger zum Beispiel hat da so ganz spezielle Methoden, auf deren Vervollkommnung er viel Mühe aufwendet. Momentan übt er die audio-gestützte Drecksjob-Abwendung. Die geht so:
„Jaaaa-aa, man könne sofort losfahren, aber da sei plötzlich so ein komisches Geräusch, und ob man nicht mal kurz hören könne, und so..."
Ein unerfahrener Motorrad-Anfänger-Halter nähert sich dann tatsächlich dem Gefährt, und hört hin. Das ist zwar ärgerlich, aber nicht weiter schlimm, auch mir ist das letztens noch passiert. Man könnte es mit Brennesseln vergleichen. Oder dem Anfassen eines 5 Mark Stücks, daß seit Stunden auf einer heißen Ofenplatte liegt.
Naja, jedenfalls hatten wir letztens mal wieder einen schönen Tag.
Martin tauchte auf, zum Motorradfahren.
Als er erklärte, die Zephyr mache so komische Geräusche, nicht immer, aber so in fast allen Gängen, und ob ich nicht mal hören könne, tauchte vor meinem geistigen Auge eine Pistolenkugel auf. Das Wort Martin war eingraviert. Ich Trottel habe „Na klar" gesagt, und SCHWUPP! da war’s geschehen. Er hatte mich wieder mal drangekriegt.
Mit einem Hamster wäre das nicht passiert, und mit dem könnte man auch Mopedfahren. Man setzt ihn einfach auf das vordere Schutzblech und befestigt ihn mit breitem Isolierband.
Wir würgten also seine Zephyr unter dem Einsatz besonders meines Lebens auf eine Wagenheberkonstruktion, auf die sich nichtmals eine schwachsinnige Bergziege getraut hätte. (Martin hatte damals nur müde abgewunken, als ich beim Kauf auf den fehlenden Hauptständer hingewiesen hatte.)
Das mir geschilderte „leichte Geräusch" entpuppte sich als ein so kerniges Knirschen, daß in mir die Gewißheit reifte, daß irgendwas mit der Antriebskette nicht stimmte. Ohne nennenswert aus dem Takt zu geraten eröffnete mir Martin, daß er diese Antwort auch schon von verschiedenen Werkstätten bekommen hatte, denen er mit seiner Kiste auf die Nerven gefallen war.
Auf meine Frage, warum denn seine Kette so verrostet sei, wo er mir doch damals mit seinem Dackelblick meine letzte Dose Kettenspray abgegaunert habe, stammelte er und blickte bedeutungsvoll in Richtung meines Werkzeugkellers.
Die Frage, ob er, während ich mein allerletztes Fett hole, vielleicht schon mal die Abdeckung des vorderen Ritzels lösen könne, verneinte er elegant, da sein Bordwerkzeug ausnahmslos aus Imbusschlüsseln bestehe. Durch Erfahrung gewitzt ließ ich es mir zeigen, aber er hatte tatsächlich nur Imbusschlüssel dabei. Zu seiner Verteidigung muß allerdings gesagt werden, daß man mit dem größten davon wahrscheinlich sogar die Schiffsschraube eines Flugzeugträgers nachziehen könnte. Nur der, der eigentlich die Hinterachse der Zephyr...aber das ist eine andere Geschichte.
Jedenfalls verbrachte ich die nächste Viertelstunde damit, alles Mögliche in die Garage zu schleppen, während sich mein Anfänger konzentrierte.
Nach Abnahme der Ritzelabdeckung buddelten wir bergeweise Sand und Dreck aus dem Ritzelkasten heraus. Entsprechend physikalischen Gesetzmäßigkeiten hätte der Motor überhaupt keine Berechtigung mehr gehabt, das Ritzel überhaupt drehen zu können. Dabei hatte ich persönlich die Maschine vor etwa einem Jahr gereinigt... Glücklicherweise war ich daher noch in Übung, denn der Garagenboden war ein einziger Sandkasten. Die Sonne stand noch über dem Horizont, also lohnte es sich, eben alles zusammen zu bauen, die Garage grob zu reinigen, das ganze Werkzeug zurück zu schleppen, mein Badezimmer zu verwüsten und ENDLICH loszufahren.
Als mein Anfänger erklärte, das Geräusch sei wundersamerweise verschwunden, fragte ich mich düster, ob ich den Entschluß betreffend des Häkels von Kaffeekannenuntersetzern nicht etwas zu voreilig gefaßt hatte. Aber immerhin fuhren wir wenigstens.
So ungefähr zwei Kilometer.
Dann erklärte mir Martin, daß kein Öl
mehr in seiner Maschine sei. Ich starrte ihn entgeistert an.
„Ja..., und die Ölkontrolleuchte? Brennt die denn?
Oder was?"
Er fingerte murmelnd an seiner Gurke herum.
„Ich verstehe. Die geht wohl nicht, nicht wahr?"
Schweigen im Walde. Jedenfalls sei kein Tropfen Öl
mehr drin!
Nun ist es nicht etwa so, daß mich dies bei Martin prinzipiell überraschen würde, was mich nur wunderte, war, wie er das so urplötzlich und ohne Kontrolleuchte herausgefunden hatte. Bevor ich meine Tour also endgültig aufgab, führte ich eine ernste Befragung durch. In ihrem Verlauf erklärte der stolze Besitzer, es gäbe da ein Schauglas, und er habe an der Ampel durch sorgfältige Beobachtung entdeckt, daß darin kein Öl mehr zu sehen sei. Mein Einwand, daß dieses Schauglas für STEHENDEN Motor justiert ist, und die Tatsache, daß ein Versuch mit abgestelltem Motor ein mit Öl randvolles Schauglas erbrachte, hat meinen Anfänger zwar nicht restlos überzeugt, aber immerhin fuhren wir bald wieder. Vielleicht hat er aber auch nur, wie ich, über seine Motorwartungen in der letzten Zeit nachgegrübelt. Dabei fällt mir auf, daß Kalli, der mir damals Motorradfahren beibrachte, nur noch graue Haare hat.
Ich jedenfalls gehe mich jetzt erstmal nach den Preisen für Hamster erkundigen.
d´ Woppter, Freiburg